Aus der Luft greifen kann man nichts

Den gebürtigen Würzburger, Jahrgang 1963, zog es zum Studium der Theaterwissenschaften nach München, und seit 20 Jahren ist er überzeugter Glockenbacher. Gemalt hat Martin Arz schon immer, auch während seines Studiums, aber: „Zum Geld verdienen habe ich das Schreiben angefangen, ziemlich am Ende des Studiums. Mein damaliger Nachbar, ein freier Journalist, hat mir ein paar Kontakte verschafft.“ Nach Beendigung des Studiums schrieb Arz zunächst auch journalistisch, stellte aber bald fest, daß dieses Genre nicht seines ist: „Ich bin nicht der Wühler und investigative Dranbleiber“.

Aber schreiben wollte Arz auf jeden Fall und wählte das Genre des Krimis. Warum? Der Autor meint: „Weil ich glaube, daß ich mich für normale Belletristik nicht eigne. Was für eine Geschichte sollte ich schreiben? Ich packe ja alles Mögliche in die Krimis. Ich schreibe nicht einfach nur 'Kommissar sucht Täter', auch wenn das natürlich der Hauptstrang ist.“ Sein Hauptermittler, der „schwule Bulle“ Max Pfeffer agiert mitten in der Gesellschaft mit ihren hellen und dunklen Seiten, die dem Autor wichtig sind, beleuchtet zu werden: „Die Leser stellen fest, daß ich ein bißchen mehr transportiere, als einfach nur den reinen Plot: Wer hat wen ermordet? Ich finde, daß man mit einem Krimi auch viele Geschichten zusätzlich erzählen und Leute auf gesellschaftliche Mißstände oder gesellschaftliche Phänomene generell aufmerksam machen kann.“

Bevor Martin Arz selber Krimis schrieb, las er sie gerne. Heute nur noch von bestimmten Autoren, denn als Selberschreiber liest man die Werke anderer Autoren mit selektiven Augen: Es fallen einem als „Fachmann“ Lücken in der Argumentation und Handlungsfolge auf, unlogische Weiterführungen und unrealistischen Geschichten. Die gängigen Fernsehkrimis reißen Martin Arz also nicht vom Hocker, auch wenn er ab und zu einen „Tatort“ schaut, der ihm als Anschau-Muß dringend anempfohlen wurde: „Dann schaue ich die erste Viertelstunde, fiebere nicht mit und merke, daß ich überlege: Wie hätte ich das aufgebaut? Wie hätte ich das gemacht?“

Die Krimis spielen zum Teil im Glockenbachviertel, zumindest kommt das Viertel in allen Krimis kurz vor. Münchner Lokalkolorit muß drin sein, jedoch nicht „das Klischee – das möchte ich durchbrechen: München hat so viel mehr zu bieten. Meine Krimis spielen in München, meine Hauptermittler sind Münchner. Aber eben nicht pausenlos in Lederhose und im Biergarten sitzend, wie es gerade in diesen Bayern-Krimis populär ist. Da wird auf ein Klischee eingeprügelt und alle finden es toll! Ich finde es einfach doof.“
Aber Martin Arz schreibt doch München-Krimis, Regionalkrimis! Der Autor widerspricht vehement: „Nein. München ist eine Großstadt, eine Millionenstadt. Man käme nie auf die Idee, von einer anderen Millionenstadt wie Paris, London oder New York zu sagen: Das ist ein Regionalkrimi. Sobald der Krimi in einer großen Metropole spielt, ist es einfach ein Krimi. Wenn wir einen New York-Krimi lesen, hat er auch Lokalkolorit: Es werden Straßen beschrieben und Du kannst Dir vorstellen, wie es da aussieht. Aber man käme nie auf die Idee zu sagen: Ach, das ist ein amerikanischer Regionalkrimi. Einfach Käse!“

Woher bezieht der Autor die Ideen und Stoffe für seine Krimis? „Man beobachtet, die Beobachtungen fließen ein und man gibt bestimmte beobachtete Charakterzüge einer Person wider. Aus der Luft greifen kann man nichts. Wer das behauptet, der lügt. Jeder wird von etwas beeinflußt. Wir alle interagieren mit unserer Umwelt und das fließt natürlich in meine Geschichten ein.“

Neben den Krimiromanen mit den schwulen Ermittlern Max Pfeffer und Felix schreibt Martin Arz auch Bücher über diverse Münchner Stadtviertel. In 20 Jahren Wohnen im Glockenbachviertel und hat er dessen Entwicklung von der „no go area“ bis zum teuersten Viertel Deutschlands hautnah miterlebt und empfindet den jetzigen Zustand als „absolute Perversion“. Womit er definitiv nicht alleine steht!
Irgendwann erreichte Martin Arz eine Anfrage, ob er ein Buch zu diesem Thema schreiben wolle, und Arz sagte zu. Das Buch war fertig, aber es kam nicht zur Veröffentlichung. Der Autor hatte jedoch Blut geleckt. Und was macht man, wenn sich kein Verlag findet? Man gründet selber einen! Der Schritt zum Gewerbeamt ist dabei das Leichteste: „Ich war völlig blauäugig. Einen Verlag kann jeder gründen für 40 Euro beim Gewerbeamt. Aber das Drumherum! Zum Glück haben mir viele geholfen.“ Mittlerweile hat Arz eine ganze Reihe von Stadtviertelbüchern herausgegeben, auch von anderen Autoren. Wobei: „Ich muß sagen, daß ich von anderen Autoren sehr selten für mich interessante Themen angeboten bekomme, deswegen mache ich die Bücher meistens selbst.“ Seinen Verlag - Hirschkäfer-Verlag - hat Arz bewußt nicht nach sich benannt. Wie kam er auf den Hirschkäfer als Namensgeber? "Alle coolen Namen, die ich im Internet gecheckt habe, waren schon vergeben. Schließlich fiel mein Blick auf den kleinen Bronze-Hirschkäfer, den ich seit Jahren auf dem Schreibtisch stehen habe. Ich mag Hirschkäfer, also habe ich geschaut, ob es einen Hirschkäfer Verlag gibt. Gab es nicht. Daher wurde es mein Verlagsname."

Vom Auftreten her ist es ein München-Verlag, der Münchner Themen behandelt. Einen eigenen Verlag zu betreiben, hat Vorteile: „Das Schöne ist, daß ich relativ unabhängig meine Sachen machen kann und niemandem für meine Bücher und Gestaltung Rechenschaft ablegen muß. Wenn sie gut ankommen und sich gut verkaufen, ist es gut. Manche Bücher verkaufen sich auch nicht, wobei das nicht unbedingt am Inhalt oder an der Gestaltung liegen muß, sondern wo ich nicht weiß, warum. Aber es ist mein Risiko. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, war es meiner und dazu stehe ich dann auch.“


Über Münchner Stadtviertel hat Martin Arz einiges zu erzählen, nicht nur in geschriebener Form, sondern auch auf seinen ca. dreistündigen „Stadtteil-Safaris“. Diese darf man sich aber nicht als heruntergespulte Führungen mit Allerweltsinfos vorstellen, wie sie Touristen im allgemeinen erdulden: Die „Safaristas werden bestens unterhalten mit Geschichten und Histörchen, Anekdoten und Erstaunlichem aus dem jeweiligen Stadtviertel. Arz selbst führt durch das Glockenbachviertel, Maxvorstadt und Haidhausen und bringt auf der Street Art-Safari die Graffitiszene näher. Zwei weitere Autoren nehmen sich dem Südfriedhof, den Stadtbächen und dem Westend an sowie Giesing.


Krimis und Stadtteilbücher schreiben, Stadtteil-Safaris abhalten, die ganze Verlagsarbeit samt Werbung und Verkauf - langweilig wird es Martin Arz nicht, auch wenn das Malen momentan hintansteht.



Einen Wunsch hat er aber noch: „Es würde mich freuen, wenn endlich meine Krimis verfilmt würden. Wenn man sich anschaut, was im Fernsehen läuft, verstehe ich bis heute nicht, warum meine Krimis nicht schon längst zigfach verfilmt worden sind. So arrogant bin ich jetzt. Und ich würde sie – das war schon von Jugend an mein Wunsch - selber verfilmen; ich würde gerne selber Regie führen und die Filme selber realisieren.“

Große Buchprojekte stehen derzeit nicht an, die entstehen eher aus konkretem Anlaß, wenn Arz feststellt, daß es zu bestimmten Themen nichts Münchnerisches gibt:
„Das sind Themen, die plötzlich in der Luft liegen und ich recherchiere dann. Zum Beispiel wie damals bei Street Art – das gab es nicht. Oder es gab kein Sammelsurium und so habe ich dann Absolut München gemacht. Oder es gab kein Buch über die spektakulärsten Verbrechen in München; also schrieb ich 'Todsicheres München'“.

Die Idee für ein Stadtteilbuch ist das Eine, das Andere ist umfangreiche Recherche. Das Stadtarchiv mit seinem großen Bilderbestand ist eine gute Quelle sowie Monacensia mit allen Publikationen, die jemals über München veröffentlicht wurden. Zeitzeugen sind dagegen nicht unbedingt eine zuverlässige Quelle, so die Erfahrung von Martin Arz: „Sie erinnern sich oft falsch - unbewußt. Oder sie verklären etwas oder bringen Sachen zusammen oder durcheinander. Gerade wenn es um konkrete Jahreszahlen oder Zeiträume geht, kann es mitunter schwierig sein. Denn die Wenigsten haben alles aufgeschrieben.“ Zumindest als Ideengeber oder Anlaß zum Recherchieren lohnen sich Gespräche mit alten Stadtviertlern dennoch. An dieser Stelle räumt Martin Arz mit einem sich hartnäckig haltenden Gerücht ein- für allemal auf: „Bevor ich anfing, das Buch über die Isarvorstadt zu schreiben, habe ich immer wieder von allen möglichen Leuten gehört, es gäbe noch einen unterirdischen Bach. Meine Recherche ergab: Außer dem Westermühlbach gibt es keinen mehr. Das sind alles nur Gerüchte. Es gibt keinen weiteren – fertig!“


Seit der letzten Kommunalwahl hat sich für Martin Arz ein weiteres Betätigungsfeld aufgetan: Er wurde als in den Bezirksausschuß 2 gewählt. Grund für sein politisches Engagement: „Ich möchte etwas für das Viertel machen; daß hier noch ein bißchen etwas anderes passiert als nur Luxus und Chichi. Ich bin ziemlich engagiert für die Street Art-Szene, für die Graffiti-Jungs in der Tumblingerstraße und im alten Viehhof. Das ist alles gefährdet. Früher wurde es geduldet und vor zwei Wochen habe ich erfahren, daß die Jungs verhaftet wurden. Das ist einfach zum Kotzen! Ich weiß nicht, inwieweit ich im BA Kompetenzen bekomme, aber ich will es zumindest probieren. Es ist schön und gut, daß Kultur und immer alles für Kinder gemacht wird. Aber wir brauchen nicht nur eine bunte Kinderrutsche, sondern auch einmal etwas, von dem junge Leute oder auch Erwachsene etwas haben.“
Die Anfangsphase im BA 2 gestaltet sich recht zeitintensiv. Wie viel zeitliches Engagement die BA-Arbeit später generell erfordern wird, weiß Martin Arz noch nicht, hofft aber, sie mit seiner Autoren- und Verlegerarbeit unter einen Hut bringen zu können.

Hoffen, nein: freuen können sich auf jeden Fall die Giesinger. Im nächsten Stadtviertelbuch sind nämlich sie an der Reihe.

Weitere Links zu Martin Arz:

Bücher vom Autor und sein Verlag
Malerei/Grafik
Stadtteil-Safaris

(Das Interview führte Karin Zick 2014; Fotos: Karin Zick, Martin Arz)
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