"Für die Kinder ist das ganz normal"

12.08.10 Permalink
Die Hallenserin Silke S. zog vor vier Jahren nach München und fand in der Müllerstraße ihre neue Heimat - ein offenbar glücklicher Zufall, denn: "Ich möchte nie in einem anderen Stadtviertel wohnen." Das liegt vor allem an dem großen Angebot kinder- und mutterfreundlicher Cafés in der unmittelbaren Umgebung, in denen man sich von Mutter zu Mutter (oder auch zu Vater) austauschen kann. Sie hat im Café auch schon ein schwules Pärchen mit Kind erlebt. "Das Kind sagte zu dem einen Mann 'Pappa' und zu dem anderen 'Mama'. Sie gingen total lieb miteinander um; es war schön anzuschauen."

Silke S. meint, daß es bei den Schwulen generell weniger Aggressivität gebe als bei Hetero-Männern. Auch wenn sie anfangs von der Schwulendichte im Viertel irritiert war, wich diese Irritation bald dem Gefühl des Gut-Aufgehoben-Seins, weswegen sie auch gerne schwule Cafés besucht, weil "man da nicht angebaggert wird." Und sie geht gerne auf schwule Straßenfeste: "Die Schwulen sind einfach lustiger."

Silke S. hatte noch nie ein Problem mit Gleichgeschlechtlichkeit, denn "Menschen sind, wie sie sind." Und sie teilt nicht die unterschwellig rumorende oder offen ausgesprochene Sorge, Schwule seien potentielle Pädophile. Nach dem Motto: nehmt die Kinder von der Straße, die Schwulen kommen! Ihrem eigenen homosexuellen Cousin würde sie ihr Kind jederzeit ohne die geringsten Bedenken anvertrauen.

Nun ist es eine Sache, aus der objektiven Ferne tolerant gegenüber Homosexuellen zu sein; anders sieht es oftmals aus, wenn man direkt betroffen ist, weil die eigenen Kinder hautnah und beinahe täglich mit Schwul-Sein konfrontiert werden. Das Glockenbachviertel ist so gesehen ein besonderes Biotop: zwei vermeintlich unverträgliche Spezies teilen sich ihren eng begrenzten Lebensraum für ein friedliches Neben- und Miteinander.

Sollen die Kinder aufgeklärt werden, was Homosexualität ist? Silke S. sieht zumindest bei den Kindern im Viertel keinen unmittelbaren Aufklärungsbedarf, denn die Kleinen erleben Homosexualität als etwas Normales. Wenn ihr Kind sie fragen würde, warum sich zwei Männer küssen, würde sie antworten: "Die haben sich lieb." So einfach kann es sein! Und so einfach ist es im Grunde auch. Silke S. steht als Beispiel für viele Eltern im Glockenbachviertel, die mit dem Thema Homosexualität keine Berührungsscheu haben.

Für den Erhalt biologischer Biotope setzen sich Naturschützer vehement ein. Wer kümmert sich um den Erhalt gesellschaftlicher Biotope? Wir alle! Und vor allem die Eltern der Glockenbacher Kinder, denn letztere sind es, die den moralisierenden Hardlinern und ewig gestrigen Vorverurteilern einst die rosa Karte zeigen werden.

(Recherche: Ingo Brätschkus)