Kategorie: Viertelleben
Reisen bildet
Reisen soll ja angeblich den Horizont erweitern und die Bildung fördern, heißt es jedenfalls. Nur i hab manchmal den Eindruck, dass es allenfalls die Einbildung fördert, etwas Besseres zu sein. Nem ma mal zum Beispiel den Reichenberger Josef. Den kenn ich scho fast 40 Jahr. Zusammen war ma Mitte der 70er Jahr in der Klenzschul. Die Eltern hatten einen kleinen Metzgerladen in der Reichenbachstraß. Dann ham ma uns aus de Augen verlorn, denn seine Eltern wollten, dass aus eahm was Besseres wird und ham eahm aufs Gymnasium gschickt. Gut, seitdem ham ma uns scho a paar mal getroffen. Damals in der Klenzeschui war er der Metzger Sepp, jetzt nennt er sich Jo Reichenberger. Was er genau macht, woaß i net. Irgendwas mit Import Export, sogt er jedenfalls.
Aber des war a Hallo, wie er mi gsehn hat. „Wie geht’s dir denn Erwin? Immer no in deinem alten Job? Warst scho im Urlaub?“ Bevor i was sogn konnt, gings bei eahm glei weiter, wie aus m Maschinengewehr. Vielleicht verkauft er die aa zu de Saudis, wer woaß. Oder er hat scho lang koan mehr ghabt, den er von seinen Abenteuern erzählen konnt. I sag dann immer, „ hoaßt koan Schrank zhaus, den du volllabern konnst? Aber des is mir in dem Moment net eingfalln. Oiso, der Jo fing dann von Paris an zu erzählen. Wie toll es in der Stadt der Liebe ist. Da ko München weiß Gott net mithalten. Und die Straßencafes erst. Und so ging des a halbe Stund weiter. I glab, wenn i net gsogt hätt, dass i no was erledigen muaß, i dat jetzt no dastehn. Jedenfalls bin i dann weg.
Zhaus, haob i mir an alten Bildband von Paris rausgsucht. Denn wenn ma selbst net wegfahrt, i kriag ja scho Heimweh wenn i nach Grafing kumm, muaß ma halt anhand von Büchern schaun, wie s auf der Welt so ausschaut. Oiso, den Eiffelturm, Centre Pompidou und Sacre Cour ham ma net aufzubieten, aber des mit dene Straßencafes, da sann ma aa dabei. Der Sepp braucht doch bloß bei uns im Glockenbachviertel amoi seine Augen richtig aufmacha. Ein Cafe oder wie ma a sagt "Bistro" nach dem anderen. Und die Madl sann a pfundig, die braucha se net hinter den Pariserinnen zu verstecken.
Es is scho so wie mei selige Mutter immer gesagt hat: Einbildung is aa a Bildung. Oiso, i bleib lieber zhaus in München, da woaß i, wos i hab und i glab der Cappucino wird in Paris aa net besser sei als bei mir im Glockenbachviertel, aber dafür bestimmt teurer.
Euer Erwin vom Glockenbach
Fortsetzung:
Vor a paar Jahr hat er no gsogt, dass er Nato-Stacheldraht-Zaun nach Saudi Arabien verscherbelt. Was die Saudis mit Stacheldraht macha, leuchtet mir net ei. Aber egal, jedenfalls hoab i an Sepp, oder besser gsagt den Jo, im Penny am Gärtnerplatz troffa. So guat scheints eahm net zu geh, sonst würd er ja beim Käfer oder Dallmayr einkaufen. Aber des hoab i eahm net gsogt.Aber des war a Hallo, wie er mi gsehn hat. „Wie geht’s dir denn Erwin? Immer no in deinem alten Job? Warst scho im Urlaub?“ Bevor i was sogn konnt, gings bei eahm glei weiter, wie aus m Maschinengewehr. Vielleicht verkauft er die aa zu de Saudis, wer woaß. Oder er hat scho lang koan mehr ghabt, den er von seinen Abenteuern erzählen konnt. I sag dann immer, „ hoaßt koan Schrank zhaus, den du volllabern konnst? Aber des is mir in dem Moment net eingfalln. Oiso, der Jo fing dann von Paris an zu erzählen. Wie toll es in der Stadt der Liebe ist. Da ko München weiß Gott net mithalten. Und die Straßencafes erst. Und so ging des a halbe Stund weiter. I glab, wenn i net gsogt hätt, dass i no was erledigen muaß, i dat jetzt no dastehn. Jedenfalls bin i dann weg.
Zhaus, haob i mir an alten Bildband von Paris rausgsucht. Denn wenn ma selbst net wegfahrt, i kriag ja scho Heimweh wenn i nach Grafing kumm, muaß ma halt anhand von Büchern schaun, wie s auf der Welt so ausschaut. Oiso, den Eiffelturm, Centre Pompidou und Sacre Cour ham ma net aufzubieten, aber des mit dene Straßencafes, da sann ma aa dabei. Der Sepp braucht doch bloß bei uns im Glockenbachviertel amoi seine Augen richtig aufmacha. Ein Cafe oder wie ma a sagt "Bistro" nach dem anderen. Und die Madl sann a pfundig, die braucha se net hinter den Pariserinnen zu verstecken.
Es is scho so wie mei selige Mutter immer gesagt hat: Einbildung is aa a Bildung. Oiso, i bleib lieber zhaus in München, da woaß i, wos i hab und i glab der Cappucino wird in Paris aa net besser sei als bei mir im Glockenbachviertel, aber dafür bestimmt teurer.
Euer Erwin vom Glockenbach
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Jedem sein Brettern - auf der Isar und dem Gebsattelberg
Da kann keiner sagen, daß bei uns in der Gegend nix los is. Denn was bei den Amis Kalifornien mit ihren Surfen is, sind bei uns in München die Eisbachsurfer und seit neuestem die Isarsurfer bei der Reichenbachbrücke.Erst hab ich ja gemeint, der Tom Cruise ist heimlich in München geblieben und genießt die Sonne an der Isar. Denn viel mehr Leut waren bestimmt auch nicht bei seinem Event am Stachus. Aber wie ich mich dann selbst unter das Volk auf der Brücke gemischt hab, hat sich mir der Grund offenbart: La Jolla bei San Diego in München! Nur was bei uns dazu kommt: Nicht nur auf dem Wasser kriegt man eine - wie man dauernd um die Ohren gepfeffert kriegt - Performance geboten; nein, auch in der Luft kriegt man einiges geboten. Wenn die Hubschrauber kommen.
Fortsetzung:
Denn ungefährlich ist dieses Spetakel weiß Gott nicht. Vor allem wenn die Isar wieder Hochwasser hat. Was grad der Fall ist. Weh dem, der von der reißenden Strömung fortgerissen wird. Das haben wir ja alle mitgekriegt vor einigen Wochen. Aber das scheint die Wasserakrobaten nicht abzuschrecken. No risk no fun.
Und wenn man dann Luftlinie 1000 Meter weitergeht, wird einem ein anderer Nervenkitzel geboten, der etwas ruhigeren Art. Die tollkühnen Recken in ihren Seifenkisten. Tollkühn rasen die Fahrer in ihren selbstgebauten Rennsemmeln 300 Meter den Gebsattelberg hinunter. Und bei manch einem Zuschauer werden alte Kindheitserlebnisse wieder wach. Oder so wie bei mir, trauert man der verpassten Chance nach, jemals in so einem Gefährt gefahren zu sein. Nicht jeder hatte halt so einen Vater, der sich die Zeit genommen hat, gemeinsam mit seinem Sohn oder seiner Tochter in mühevoller Arbeit so ein Teufelsgeschoß zu bauen. Aber nicht nur Kinder rasen in ihren Kisten den Berg runter, auch Erwachsene wollen noch mal das besondere Feeling hautnah spüren. Aber um keine Wehmut aufkommen zu lassen, wenden wir uns lieber dem Biergarten auf der Jackobidult zu. Nur: Nach der dritten Maß fängt man doch wieder an, an seine Kindheit zu denken. Vielleicht sollte man sich doch fürs Seifenkistenrennen im nächsten Jahr anmelden...
Euer Erwin vom Glockenbach
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Was bleibt, ist der Wandel
von Karin Zick
Haidhausen hat ihn hinter sich, das Glockenbachviertel erlebt ihn seit einigen Jahren und im Westend hat er den Fuß in der Tür: Der Wandel vom gewachsenen Stadtviertel mit gemischter Bevölkerung hin zum In-Viertel für junge bis middle-aged Doppelverdiener.
Der Wandel vollzog sich auch im Glockenbachviertel zunächst scheinbar schleichend: hier eine Drogerie, da ein Schuster weg; hier ein griechischer Laden, dort ein Elektroladen geschlossen. Und als nächstes die Metzgerläden - bis auf einen. Dafür stetig neue Lokale und Kneipen, Innenarchitekten, Designer, Galerien. Wenn man auch keinen Schuster mehr findet, dafür kann man sich jetzt seine mittlerweile sündhaft teure Zweizimmerwohnung schick einrichten. Wie lange man sich die noch wird leisten können, fragen sich viele Alteingesessene und spätestens bei Eintritt ins Pensionsalter dürfte mancher überlegen, ob er nicht aus dem Viertel wegzieht: Er kann es sich schlicht nicht mehr leisten.
Die heutigen Gewinner, nämlich die eher jungen, gutverdienenden Zuzügler, könnten jedoch langfristig ebenfalls Verlierer sein. Denn die Vielfalt und Buntheit, das Miteinander von Jung und Alt, die lebendige Homoszene, dessenthalben sie ins Glockenbachviertel strömen, geht immer mehr verloren, je einseitiger die Bevölkerungsstruktur wird. Das ist nicht die Schuld der Zuzügler, vielleicht eher die der Kommune, die mit diversen Instrumentarien z.B. dem Mietwucher hätte Grenzen setzen können.
Wenn das Glockenbachviertel "durch" ist, kommen die Westendler dran - sie sind nicht zu beneiden.
Haidhausen hat ihn hinter sich, das Glockenbachviertel erlebt ihn seit einigen Jahren und im Westend hat er den Fuß in der Tür: Der Wandel vom gewachsenen Stadtviertel mit gemischter Bevölkerung hin zum In-Viertel für junge bis middle-aged Doppelverdiener.
Fortsetzung:
Der Wandel vollzog sich auch im Glockenbachviertel zunächst scheinbar schleichend: hier eine Drogerie, da ein Schuster weg; hier ein griechischer Laden, dort ein Elektroladen geschlossen. Und als nächstes die Metzgerläden - bis auf einen. Dafür stetig neue Lokale und Kneipen, Innenarchitekten, Designer, Galerien. Wenn man auch keinen Schuster mehr findet, dafür kann man sich jetzt seine mittlerweile sündhaft teure Zweizimmerwohnung schick einrichten. Wie lange man sich die noch wird leisten können, fragen sich viele Alteingesessene und spätestens bei Eintritt ins Pensionsalter dürfte mancher überlegen, ob er nicht aus dem Viertel wegzieht: Er kann es sich schlicht nicht mehr leisten.
Die heutigen Gewinner, nämlich die eher jungen, gutverdienenden Zuzügler, könnten jedoch langfristig ebenfalls Verlierer sein. Denn die Vielfalt und Buntheit, das Miteinander von Jung und Alt, die lebendige Homoszene, dessenthalben sie ins Glockenbachviertel strömen, geht immer mehr verloren, je einseitiger die Bevölkerungsstruktur wird. Das ist nicht die Schuld der Zuzügler, vielleicht eher die der Kommune, die mit diversen Instrumentarien z.B. dem Mietwucher hätte Grenzen setzen können.
Wenn das Glockenbachviertel "durch" ist, kommen die Westendler dran - sie sind nicht zu beneiden.
